{"id":3762,"date":"2021-05-22T21:40:09","date_gmt":"2021-05-22T19:40:09","guid":{"rendered":"http:\/\/wp12964331.server-he.de\/experimentelles_design\/?p=3762"},"modified":"2021-06-22T13:23:09","modified_gmt":"2021-06-22T11:23:09","slug":"sprachraum-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/wp12964331.server-he.de\/experimentelles_design\/2021\/05\/22\/sprachraum-musik\/","title":{"rendered":"Sprachraum Musik"},"content":{"rendered":"\n<p>Was ist eigentlich Musik? An dieser Frage forschen Musiker und Wissenschaftlerinnen schon lange. Und doch ist die Antwort ungef\u00e4hr so eindeutig wie die, was denn Kunst oder Design sei oder wo die Grenze dazwischen verlaufe. Losgel\u00f6st von den Fragestellungen rund um Grenzen, Rechtfertigung, Daseinsberechtigung etc. der Musik kann von ihr allerdings ein Aspekt recht gewiss behauptet werden: Dass sie als Sprache fungiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Hierbei ist Musik viel universeller als die Wortsprache. W\u00e4hrend bei letzterer je nach Kulturkreis Schriftsysteme, Klang und Wortst\u00e4mme so stark variieren, dass Angeh\u00f6rige dieser Kreise sich nicht allein durch die gesprochene oder geschriebene Sprache auszutauschen verm\u00f6gen, basiert ein Gro\u00dfteil der heute komponierten Musik weltweit auf demselben Notensystem (quasi das \u00c4quivalent zur geschriebenen Wortsprache) mit denselben 12 T\u00f6nen. Musiker*innen aus verschiedenen Kulturen k\u00f6nnen also in der Regel Notenbl\u00e4tter anderer Kulturen problemlos lesen. Die Grundlage f\u00fcr dieses System wiederum bieten physikalische Naturgesetze, die allumfassend sind und nicht so sehr der Interpretation von Menschen unterliegen wie beispielsweise vom Menschen erzeugte Sprachlaute. Musik ist dabei im Grundsatz eher Tr\u00e4gerin von Bildern und Emotionen, im Gegensatz zur diskursiven Wortsprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Wo kommen also die gef\u00fchlt enormen Unterschiede verschiedener Genres und Kulturen her, wenn Musik doch so universell ist? Meiner Auffassung nach kann Musik als eine universelle Sprache betrachtet werden und die verschiedenen Stile als deren Dialekte. Ein Dialekt unterscheidet sich von seiner Stammsprache nur in Feinheiten (im Vergleich zum Unterschied zu anderen Sprachen anderer St\u00e4mme). Auch wenn die grunds\u00e4tzliche F\u00e4higkeit vorhanden ist, Dialekte der eigenen Sprache zu verstehen, bedeutet das nicht, dass jede:r diese Dialekte reproduzieren oder ihre Nuancen verstehen und interpretieren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>So \u00f6ffnet Musik R\u00e4ume der Begegnung und Ann\u00e4herung. Das eindrucksvollste Beispiel ist f\u00fcr mich die erstmalige Begegnung mit Lalo bei einer offenen Bluessession. Der geb\u00fcrtige Mexikaner kam gerade frisch nach Deutschland, konnte kein Wort Deutsch und sp\u00e4rlich Englisch. Als wir beide mit drei weiteren Musikern auf die B\u00fchne gegangen sind (er hatte sein Akkordeon dabei), bedarf es nur eines kurzen Zurufs, in welcher Tonart wir spielen wollen und ohne weitere Absprachen hatten wir gemeinsam musiziert. F\u00fcnf Musiker, die sich zuvor noch nie gesehen, miteinander gesprochen, geschweige denn miteinander musiziert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuelle Forschung legt sogar nahe, dass die musikalischen Unterschiede zwischen Kulturen kleiner sind als die innerhalb von Kulturen mit ihren unz\u00e4hligen Stilen und Genres.<\/p>\n\n\n\n<h1>Unser \u00bbMoll\u00ab ist nur unsere Perspektive<\/h1>\n\n\n\n<p>Wer in der heutigen westlichen Popmusik von Tonarten spricht, bezieht sich in der Regel auf \u00bbDur\u00ab und \u00bbMoll\u00ab. Dass dies so kam, war eine Entwicklung \u00fcber Jahrhunderte. Dur und Moll sind eigentlich nur zwei von sieben Kirchentonarten, in denen klassische Werke insbesondere in Europa komponiert wurden. Der Klangcharakter ergibt sich dabei prim\u00e4r dadurch, dass \u2013 vereinfacht gesagt \u2013 von den 12 zur Verf\u00fcgung stehenden T\u00f6nen nur sieben in von der Tonart definierten Abst\u00e4nden verwendet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Moll, das heute so verbreitet und weitl\u00e4ufig bekannt ist, ist neben dieser zeitlichen Komponente auch nur eine Perspektive von unserem geographischen und kulturellen Standpunkt aus. Dieses sogenannte \u00bbnat\u00fcrliche Moll\u00ab hei\u00dft so, da es direkt aus dieser Systematik der alten Kirchentonarten entstanden ist. Wird ein einzelner Ton dieser Leiter verschoben, so erh\u00e4lt man das \u00bbharmonische Moll\u00ab, welches vor allem im osteurop\u00e4ischen und arabischen Raum gebr\u00e4uchlich ist und war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die klanglichen Unterschiede von Musik beruhen allerdings nicht nur darauf, welche sieben T\u00f6ne Verwendung finden, sondern auch, in welchem Bezug sie zueinander stehen. Wird die harmonische Molltonleiter beispielsweise nicht vom ersten Ton aus gespielt, sondern vom f\u00fcnften, resultiert daraus eine ganz andere Tonart: phrygisch-dominant, oder auf jiddisch: Freygish.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Tonart kommt prim\u00e4r im Klezmer, der Musik des osteurop\u00e4ischen Judentums, zum Einsatz. Wird hier wiederum ein einzelner Ton verschoben, erh\u00e4lt man das Moll der Sinti und Roma. Diese \u00c4hnlichkeit liegt vermutlich daran, dass Klezmorim (also Klezmer-Musiker:innen) oft gemeinsam mit Sinti und Roma gereist und dabei auch musiziert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Verschiebungen von T\u00f6nen und Tonleitern k\u00f6nnen also geographische und kulturelle Entwicklungen abbilden, in einer Weise, die universell verstanden werden kann. Moderne Stilrichtungen wie die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jazz\">Black American Music<\/a> (BAM) zeigen dabei, dass die Kombination und das Zusammentreffen dieser Stile eine enorme Bereicherung sein kann.<\/p>\n\n\n\n<h1>Projekt<\/h1>\n\n\n\n<p>In meinem Projekt m\u00f6chte ich Harmonie und Dissonanz der verschiedenen Skalen h\u00f6rbar machen \u2013 wobei Dissonanz der Musik nicht mit Negativem oder Unsch\u00f6nen gleichgesetzt werden kann. Vielmehr ist es nicht selten gerade die Reibung von T\u00f6nen, die ein St\u00fcck vielf\u00e4ltig und h\u00f6renswert macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umsetzung erfolgt in Form einer Live-Performance, die auf Gesang basiert und durch Instrumente sowie Tanz erweitert wird. Dabei sind H\u00f6rer:innen dazu eingeladen, in die Musik einzusteigen \u2013 sei es durch F\u00fchlen und Vorstellen oder durch aktives Partizipieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"http:\/\/wp12964331.server-he.de\/experimentelles_design\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/shteyger.mp3\"><\/audio><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich Musik? An dieser Frage forschen Musiker und Wissenschaftlerinnen schon lange. Und doch ist die Antwort ungef\u00e4hr so eindeutig wie die, was denn Kunst oder Design sei oder wo die Grenze dazwischen verlaufe. 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