Einleitung
Entwicklungsstörungen stellen für Betroffene und Angehörige eine erhebliche Einschränkung in der Ausgestaltung ihres Lebens und ihrer Lebensqualität dar. Eine der wohl am weitest verbreiteten Entwicklungsstörungen ist der Autismus.
Hierbei kann die Ausprägung der Entwicklungsstörung gänzlich unterschiedlich sein und geht von einer vollkommen unselbstständigen Lebensweise über verminderte sozial-kommunikative Fähigkeiten bis hin zur Hochbegabung mit speziellen einzigartigen Fähigkeiten. Dennoch zeigen Betroffene im Kern ähnliche Defizite im Aufbau und Führen von zwischenmenschlichen Beziehungen.
Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 1% der Weltbevölkerung von Autismus betroffen ist. Das sind derzeit 78 Millionen Menschen, die erhebliche Einschränkungen im Lesen und Verstehen von Kommunikations-Codes haben, meist nur schwer Beziehungen führen können und bei denen häufig die Bewältigung des Alltags eine große Herausforderung darstellt.
Projektziel
Diese Arbeit untersucht die Autismus-Spektrum-Störung auf ableitbare Allgemeingültigkeiten in Bezug auf die Wahrnehmung und das Kommunikationsverhalten von Betroffenen mit dem Ziel, mit den Mitteln der Gestaltung eine Hilfestellung oder ein Hilfsmittel für Betroffene zu entwickeln, um die Alltags- und Sozialkompetenzen von Betroffenen zu stärken.
Projektansatz
Während des Bachelor-Studiums entstand in Zusammenarbeit mit zwei Kommilitonen der ichó Therapieball, ein interaktives Therapieobjekt das die Stärken eines analogen und haptisch erfahrbaren Objektes (Ball) mit den Vorteilen digitaler Medien verbindet.
Der ichó Therapieball erkennt was mit ihm gemacht wird (Schütteln, Fangen, Wertfen, Streicheln) und reagiert je nach aktiver Anwendung mit farbigem Leuchten, Vibration, Klang oder Musik.
Auf dieser Basis entstand in enger Zusammenarbeit mit Ärzten, Therapeuten und Betroffenen ein relevantes Therapieobjekt für den Krankheitsbereich Demenz.

Auf Grundlage der bestehenden Kontakte in den medizinischen Bereich und den seit 2015 gesammelten Erfahrungen, scheinen die Anwendungsmöglichkeiten von ichó ideal für neue Therapieansätze im Bereich der Autismus Spektrum Störung.
Kurzeinführung in das Krankheitsbild Autismus
Autismus ist nach ICD-10 eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und wird grob in drei verschiedene Ausprägungen unterteilt.
- Frühkindlicher Autismus
- Atypischer Autismus
- Asperger-Syndrom
Nach fortgeschrittenem Erkenntnisstand wird heute von einer „Autismus Spektrum Störung“ gesprochen, da jede Form von Autismus sehr individuell ist und kein Autismus vergleichbar.
Es wird ein breites Spektrum der Entwicklungsstörung betrachtet.
Durch diverse Medien besteht häufig ein falsches Bild vom Autisten. Die aktuelle Annahme ist, dass etwa 1 % aller Menschen einen Autismus haben.
Meistens bleibt der Autismus undiagnostiziert, da die starken Ausprägungen eher selten sind.
Grundsätzlich besteht beim Autisten eine andere Wahrnehmung, da das Gehirn anders arbeitet. Daher wirken überlagernde Sinneseindrücke häufig überfordernd, da das Gehirn nichts ausblenden kann. Bei einer Sinnensüberflutung kommt es zum „Overload“ / „Meltdown“ / „Shutdown“.

Aktueller Projektstand
Aktuell entstehen in Zusammenarbeit mit Autismus-Experten zwei verschiedene Anwendungstypen, die auf ihre Effektivität geprüft werden.
Typ 1: Overload Kompensations Anwendung
Dieser Anwendungstyp soll dem Autisten helfen, gegen eine Overload Situation anzusteuern. Für diese Situation gibt es bereits unterschiedliche Ansätze, die meisten basieren auf einer vertrauten Stimulation (akustisch, visuell, olfaktorisch), um eine Form der „Überlagerung“ bei Sinnesüberflutung herzustellen.
Aufgrund des fortschreitenden Alters des Betroffenen muss der Impulsgeber stets angepasst werden und es ist häufig ein kontinuierliches Training nötig, welches in der Praxis häufig nicht so konsequent durchgeführt wird.
Der Vorteil eines stets individualisierbarem Impulsgebers liegt in der bereits erlernten Vertrautheit zum Impulsgeber. Hierdurch können die Stimuli angepasst werden, ohne das ein vollkommen neues Objekt erlernt werden muss. Die Vertrautheit gibt Sicherheit in überfordernden Situationen.
Typ 2: Sozialkompetenzfördernde Anwendungen
Vor allem bei frühkindlichem Autismus ist es wichtig, die Sozialkompetenzen von Betroffenen zu fördern. Neue interaktive Anwendungen können Kindern besser die „Theory of Mind“ verständlich machen, das Verständnis darüber dass mein Gegenüber über eine eigene Gedanken- und Gefühlswelt verfügt und in dieser lebt.
Aufgrund der fortschreitenden Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, können die Gespräche mit Experten und Betroffenen nur sehr eingeschränkt stattfinden.
Dies behindert maßgeblich die Anwendungsentwicklung, da Interaktionskonzepte zwingend in der Interaktion getestet und erprobt werden müssen.
Die theoretische Grundlage sieht vielversprechend aus, aufgrund des sehr breiten Spektrums bei Autismus, müssen aber viel mehr Tests durchgeführt werden.
Experimentelle Aufgabe
Ersteindruck
Die Aufgabenstellung empfand ich persönlich als unheimlich flexibel und ermöglichte mir rückblickend sehr viel experimenteller zu arbeiten, als ich es zu meinem konkreten Masterthema bisher tat.
Da mir Christian Jendreikos Satz, „Nutzt diese Aufgabe doch auch um etwas auszuprobieren, an dem ihr richtig Spaß habt und was euch interessiert.“ sehr stark in mir gearbeitet hat, wollte ich die Aufgabe surrealistisch bearbeiten.
Vorgehensweise
Bei der genauen Recherche der Surrealisten und dessen Arbeitstechniken, wuchs in mir immer mehr Unsicherheit, wie ich die Kritiken bearbeiten könnte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich alle 9 Kritiken mehrfach gelesen. Alle Kritiken waren fast ausschließlich positiv und lieferten zwar Denkanstöße für das konkrete Projekt, dennoch viel mir eine surrealistische Perspektive oder Antwort zunehmend schwerer.
Während der Recherche stoß ich auf die Technik des autonomen Schreibens. Mir war diese Technik bereits aus der Schule bekannt, ich hatte die Technik nur nie in Verbindung mit dem Surrealismus gebracht.
Schreiben macht mir unheimlich Spaß. Es fällt mir leicht und hilft mir meine Gedanken zu sortieren und klare Strukturen zu bilden. Hätte ich das reine Schreiben als Bearbeitung der Aufgabe genommen, wäre mir dies aber zu wenig gewesen da ich einen sicheren Weg mit antizipier-barem Ergebnis gewählt hätte.
Aufbau
Nach weiterer Recherche habe ich beschlossen mich tiefer mit dem automatischen Schreiben auseinanderzusetzen. Ergebnisoffen will ich über das automatische Schreiben einen tieferen Zugang zu unterbewussten Gedanken schaffen, um einen Erkenntnisgewinn zu erhalten.
Für diese Vorgehensweise habe ich den Aufbau so gewählt, dass ich keine Ablenkungen beim Schreiben erfahre. Ich schreibe analog, um eine natürliche Verbindung mit dem Wort zu bekommen, über die Verbindung aus Hand, Stift, Papier.
Ich schreibe abends oder nachts, um noch weniger äußeren Einflüssen ausgesetzt zu sein, nichts das mich ablenken kann. Der Schreibtisch ist freigeräumt und es steht nur eine Tischlampe zur Beleuchtung vor mir. Jedes geschriebene Blatt drehe ich um und lege es aus dem Sichtfeld.
Vor jedem Schreibvorgang lese ich mir noch einmal die jeweilige Kritik durch, zu der ich schreiben möchte. Dann beginne ich zu schreiben.
Erste Erfahrungen
Die ersten sechs Seiten schrieben sich gut, dennoch bin ich nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Alle Texte sind viel zu bewusst geschrieben. Nicht nur beim Lesen, bereits beim Schreiben fühlt es sich so an als würde ich nur meinen inneren „stream of consciousness“ dokumentieren. Das ist weit weg von dem, was ich eigentlich mit dem automatischen Schreiben erreichen will.
Ich finde über diese Vorgehensweise keinen Zugang zu tiefergründigen Erkenntnissen oder erhalte neue Einsichten zu einem Thema. Es findet zwar eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Kritiken und dem Kurs statt, aber das kann nicht die surrealistische Technik sein, nach der ich suche.
Ich werde noch einmal in die Recherche gehen und mich intensiver mit dem automatischen Schreiben auseinandersetzen, um einen besseren Zugang zu finden.
Automatisches Schreiben
Das automatische Schreiben (französisch Écriture automatique) bezeichnet eine Methode des Schreibens, bei der Bilder, Gefühle und Ausdrücke möglichst unzensiert wiedergegeben werden sollen, unter Ausschluss des kritischen Ichs.
Das manuelle Schreiben mit einem Schreibgerät wird klassischer weise empfohlen. Kern der Methode ist der Verzicht von Absichtlichkeit und der Sinnkontrolle. Dadurch dürfen und sollen Sätze, Satzstücke, Wortketten verschriftlich werden, ohne Rücksicht auf Orthografie, Grammatik oder die Interpunktion. Kern ist die Authentizität des Einfalls.
Die Ursprünge des automatischen Schreibens gehen auf die Psychologie zurück. Bereits 1889 arbeitete der französische Psychotherapeut Pierre Janet mit Patienten, die im Halbschlaf, in Trance oder Hypnose zum Schreiben angehalten wurden, um das Unbewusste ins Bewusstsein zu holen.
André Breton und Philippe Soupault adaptierten in den 1920er Jahren die Methode für ihre Literatur. Eines der bekanntesten Werke ist unter anderem „Les Champ magnétiques“ (Die magnetische Feder).
Das automatische Schriftstück widersetzt sich einem planvollen Aufbau und einer nachträglich zensierenden Korrektur. Es ist hierdurch Ausdruck der unbewussten, traumhaften und der spontanen menschlichen Eingebung, welche als Grundlage für eine neue Art der Kreativität dient.
Literaturrecherche: Manfred Hilke: L’ecriture atuomatique – Das Verhältnis von Surrealismus und Parapsychologie in der Lyrik von André Breton, Peter Lang, Frankfurt a.M. 2002
Anpassung des automatischen Schreibens auf meine Bedürfnisse
Der grundsätzliche Aufbau bleibt für mich identisch.
Ich bleibe bei einen manuellen Schreibvorgang und wähle hierfür einen Kugelschreiber und schreibe weiter auf einfachem, weißem, 80 g/qm Papier. Hierzu wähle ich einzelne Papierseiten, die nicht gebunden sind. Dadurch kann ich jede geschriebene Seite weglegen, um mich ausschließlich auf das Schreiben konzentrieren zu können.
Ich entferne alles aus meinem Sicht- und Hörfeld, sodass ich einen freien Schreibtisch ohne Ablenkungen vor mir habe.
Die größte Herausforderung ist das kritische Ich stumm zu schalten. Beim ersten Durchgang entstand die Dokumentation meines inneren Stream of Conscioussness. Ich vermute das ich mich zu sehr auf das Ende eines Satzes konzentriere und dadurch den Moment verpasse, im Moment des Schreibens ein neues Wort zu erfassen. Außerdem befreie ich mich von der Zielvorgabe, eine bestimmte Länge oder eine bestimmte Zeit automatisch zu schreiben. Sofern ich bemerke, dass das kritische Ich präsent ist, breche ich den Schreibvorgang ab.
Bemerke ich, dass ich mich im Kreis drehe, werde ich ebenfalls abbrechen. Um mich innerlich auf die Kritik einzustellen, lese ich die jeweilige Kritik mehrfach.
Anschließend schließe ich die Augen und konzentriere mich allein auf meine Atmung. Sobald ich den Impuls verspüre zu schreiben, starte ich sofort.
Auswertung
Es dauert eine Weile, bis man in den richtigen Modus kommt und wirklich frei schreibt. Bei meinen Recherchen habe ich gelesen, dass man durch diese Technik mit sich selbst in den Dialog treten kann. An diesen Punkt bin ich aktuell noch nicht gekommen, zumindest nicht so, dass ich sagen könnte das es für mich zu einem verwertbares Dialog-Ergebnis kam. Beim Lesen der einzelnen Passagen fallen mir immer wieder unterschiedliche Stellen auf, an denen der Text besonders frei und losgelöst wirkt. Diese sind ein starker Kontrast zu den sehr kontrollierten und geführten Textabschnitten, wie sie vor allem auf den ersten Seiten vertreten sind aber auch meist zu Beginn eines jeden Textabschnittes, wenn man eine neue Kritik beschreibt. In der farblich markierten Auswertung der Texte zeigt sich ein deutliches Muster, von den anfangs sehr stark kontrollierten Abschnitten (lila), zu den frei geführten neuen Einleitungen der jeweiligen Kritiken (gelb), bis hin zu den losgelösten Abschnitten (türkis), die vollständig automatisiert entstanden sind.

Fazit
Für mich war die Semesteraufgabe eine absolute Bereicherung hinsichtlich der Erarbeitung einer neuen Technik, eigene Prozesse und Gedanken zu reflektieren. Das automatische Schreiben hat mir vor allem gegen Ende der letzten Abschnitte zunehmend neue Perspektiven geliefert, die ich so nicht hätte erreichen können.
Es war sehr spannend für mich, experimentell zu arbeiten und eine neue Herangehensweise zu entwickeln. Die einzelnen Kritiken sind mir nicht konkret genug formuliert. Mit einer Ausnahme werden fast keine negativen Aspekte an meiner Tischpräsentation aufgezeigt. Mir ist bewusst, dass man die Arbeit seiner Kommilitonen respektvoll und mit der nötigen Würdigung analysieren soll. So bin auch ich vorgegangen. Dennoch ziehe ich das Fazit, dass aus meiner Wahrnehmung alle (inklusive mir) ruhig konkreter die Elemente ansprechen können, die noch nicht klar kommuniziert werden oder in der aktuellen Ausarbeitung nicht funktionieren.
Ich nehme aus den Kritiken ein paar Impulse mit, die ich in meiner Arbeit umsetzen werde. Die größere Bereicherung in diesem Semester war die Endaufgabe, über die ich mir eine vollkommen neue Herangehensweise der Auseinandersetzung erarbeiten konnte.
Beim Vorgang des automatischen Schreibens, kam es immer wieder zu Momenten die man als Klarheit bewerten kann. Momente, in denen ich ehrlich zu mir selbst bin.
Das automatische Schreiben entwickelte sich für mich zu einer Methode, mit der ich meine Intuition bzw. mein Bauchgefühl in Worte fassen kann.
Anfang habe ich erläutert, dass mir das Schreiben leichtfällt und es mir hilft meine Gedanken zu sortieren und klare Strukturen aufzuzeichnen. Die Methode des automatischen Schreibens ist für mich eine hervorragende Ergänzung, da ich im Gegensatz zum herkömmlichen Schreiben das Korsett einen bestimmten Schreibstil oder Duktus zu halten, vollkommen verwerfe.
In diesem absoluten Wust an Text und dem willkürlichen zusammenfügen von Wörtern, steckt eine neue Form der Erkenntnis über sich selbst und die Dinge, die einen beschäftigen. Ich werde zukünftig diese Methode wählen, um in Entscheidungsprozessen einen neuen Impuls zu erhalten. Das automatische Schreiben dient mir also weniger als kreativ-Motor, sondern vielmehr als besserer Zugang zu mir selbst und als Entscheidungshilfe, um die eigene Intuition mehr zu verstehen.
















