Motivation
Ich beschäftige mich mit der Thematik des Synästhesie-Phänomens. Da ich selbst Synästhet bin, entschloss ich mich, mich mit diesem Thema intensiver auseinander zu setzen. Bei mir äußert sich dieses Phänomen als Wahrnehmung des Farbenhörens, der Schmerz-Farb-Synästhesie und der Sequenz-Raum-Synästhesie. Des Weiteren machten mich Gespräche mit anderen Synästheten sehr neugierig. Deshalb verfolge ich weiterhin andere Synästhesien, um mehr über die Verschiedenen Verknüpfungen von Wahrnehmungen zu erfahren.
Problemstellung
Der Begriff „Synästhesie“ ist in unserer Gesellschaft nicht weit verbreitet und von daher noch sehr ungenau definiert. In früheren Zeiten wurden Synästheten als psychisch krank oder verrückt eingestuft, ihre Eindrücke als Einbildung beschrieben und oft sogar medikamentös behandelt.
In der modernen Gesellschaft ist das Phänomen weniger bekannt. Inzwischen gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, durch bildgebende Verfahren (MRT oder PET) kann die Struktur der Verknüpfungen im Gehirn gezeigt werden, die frühere Annahmen widerlegen. Die Synästhesie ist ein sehr breit gefächertes Thema, welches in verschiedene Bereiche unterschieden und kategorisiert werden kann. Jeder Mensch erlebt eine andere Form der Synästhesie und somit ist jede Synästhesie-Erfahrung individuell und abhängig von der Wahrnehmung eines jeden einzelnen.
Zielsetzung
In meiner Bachelorthesis habe ich mich mit der Begrifflichkeit sowie dem Phänomen „Synästhesie“ auseinandergesetzt, um zu einem besseren Verständnis beitragen zu können. Habe Interviews mit Synästheten geführt und deren Synästhesie so gut wie möglich umgesetzt.
Mein Ziel ist es eine Synästhesie – Präsentierform zu finden und wenn möglich umzusetzen, um Nicht-Synästheten verschiedene Synästhesiearten Erfahrbar zu machen. z.B. durch AR und/oder VR. Bisher habe ich mich in verschiedene Programme wie C4D/Rhino/blender ausprobiert, um für mich ein Programm zu finden welches gut bedienbar ist. Desweiteren habe ich mich mit verschiedenen Graphem-Farb-Synästhesien künstlerisch und räumlich auseinandergesetzt. Und weitere Dreidimensionale Buchstaben konstruiert. (z.B. siehe Tischpräsentation – WS19/20, visuelle Eindrücke der Tischpräsentation)
Um das Phänomen Synästhesie verstehen zu können, empfande ich es als selbstverständlich diese für den Betrachtenden zu definieren und anhand von Beispielen zu unterteilen.
Definition
Was ist Synästhesie? Der Begriff Synästhesie stammt aus dem griechischen Syn- „zusammen“ und dem Aisthesis „Empfinden/Wahrnehmen“. In Verbindung bedeutet es das Erleben zweier oder mehrerer zusammen auftretender Sinneseindrücke oder auch das Vermischen der Sinne.
Carl Loef, der in der Musikwissenschaft tätig ist, definiert Synästhesie als
Reizempfindung eines Organs bei Reizung eines anderen Organs.
Synästhesie ist eine Reizempfindung einzelner oder mehrerer Sinnesorgane. Die bekannten Sinne werden in Hören, Schmecken, Riechen, Sehen und Fühlen unterschieden. Synästhesie ist die Fähigkeit eine Sinneswahrnehmung mit einer anderen Sinneswahrnehmung zu ver- knüpfen. Durch die erste Empfindung einer Wahrnehmung wird eine weitere Empfindung hervorgerufen. Dadurch können Synästheten Farben hören oder schmecken, Musik riechen oder bei bestimmten Gerüchen oder Tönen geometrische Formen vor dem inneren Auge erkennen.
Bei Synästhesie handelt es sich hauptsächlich um eine visuelle Wahrnehmung, die durch einen Reiz hervorgerufen wird. Es sind in der Re- gel Farben oder Dimensionen, die durch bestimmte Buchstaben oder Wörter, Zahlen, Gerüche oder Töne beziehungsweise Klänge erzeugt werden. Visuelle Synästhesien werden im inneren Auge projiziert, da- bei haben Buchstaben und Zahlen oftmals auf Lebenszeit die gleiche Farbe, durch z.B. einen bestimmten Ton. Die Synästhesie ist keine Krankheit, sondern eine erweiterte Form der Sinneswahrnehmung, welche für jeden Synästheten individuell ist. Das heißt, jeder Synästhet erlebt sie anders, jede Synästhesie ist individuell. Vor allem kann ein Synästhet mehrere Synästhesien wahrnehmen, oftmals ist aber nur eine ausgeprägt und die anderen abgeschwächt.
Variationen der Synästhesie
Es sind unzählige Varianten der gekoppelten Sinnesempfindungen bekannt. Eine Synästhesie wird durch eine Erstempfindung unserer Sinne – Fühlen – Hören – Riechen – Schmecken – Sehen gereizt/er- zeugt, welche eine Zweitempfindung auslöst.
„Bei einer akustischen Erstempfindung, durch Geräusche, Töne oder Klänge wird eine visuelle (= bildhaft) oder taktile (=fühlen) Zweitempfin- dung ausgelöst. (z.B das Farbenhören). Durch Geräusche ausgelöste Farbwahrnehmungen gehören zur häufigsten Art der Synästhesie.
Bei einer gustatorischen (=Geschmack) Erstempfindung wird eine visuelle, akustische und/oder taktile Zweitempfindung hervorgerufen.
Bei einer olfaktorischen (=Geruch) Erstempfindung wird eine akustische, visuelle und/oder taktile Zweitempfindung ausgelöst,
(z.B. Geruchssynästhesie)
Bei einer taktilen Erstempfindung wird eine visuelle, akustische und/ oder olfaktorische Zweitempfindung ausgelöst.
Bei einer visuellen Erstempfindung, durch Zahlen, Farben und/oder Objekte, wird eine akustische und/oder olfaktorische Zweitempfindung ausgelöst. z.B. die 8 hört sich so an, als würde jemand Kaugummi kauen.“
Zusammenhängende Eigenschaften: Neben der Besonderheit der Sinneswahrnehmung gibt es weitere Symptome in Form bestimmter Fähigkeiten zu beobachten, welche aber nicht immer auf die Synäs- thesie zurückzuführen sind. Synästheten verwenden ihre Sinnesempfindungen als Gedächtnisstütze indem sie z.B. einer Person eine Farbe zuordnen. Nicht-Synästheten erzeugen sich bewusste Eselsbrücken, die ebnfalls als solche Gedächtnisstützen dienen. Die meisten Psychologen gehen davon aus, dass die Menschen an infantiler Amnesie leiden, welche bedeutet, dass wir uns an Ereignisse vor unserem dritten oder vierten Lebensjahr meist nicht erinnern können. Bei den Synästheten gibt es ein übersteigertes Erinnerungsvermögen, welche überdurchschnittliche bis außergewöhnliche Gedächtnisleistungen, wie das Einprägen von Zahlenkombinationen (Pi-Stelle, Telefonnummern) bis zu Farbkombinationen hervorbringt.
Synästhesie Formen (Auswahl)
Um einen Einblick in die Synästhesie Welt zu bekommen, stelle ich ein paar Synästhesie Formen (hoffentlich) verständlich mit (wenn möglich) Bildbeispielen vor.
Farbenhören
auch farbiges Hören (Coloured Hearing) genannt. Diese ist vermut- lich die am häufigsten vorkommende Synästhesie. Geräusche und/ oder Musik werden gleichzeitig in Farbe und/oder Formen wahrgenommen. Bei dieser Synästhesie haben bestimmte Töne eine bestimmte Farbe oder sind geometrischen Formen zugeordnet. Eine Abwandlung hiervon ist das absolute Gehör. Wenn jemand einen Ton (z.B. am Klavier) spielt, kann derjenige mit dem absoluten Gehör ihm sofort sagen, wie der Ton heißt.
Hohe Tonfolgen haben helle Farben, langsame tiefere hingegen dunklere tiefere Farben




Geruchs- und Geschmackssynästhesie
Bei einer Geruchs- und Geschmackssynästhesie kann, vor dem inneren Auge des Synästheten, ein bestimmter Farbeindruck, allein durch einen Geruch oder Geschmack entstehen. Hierbei kann der Synästhet beispielsweise bei einem süßen Geschmack blaue Farben sehen. Der Duft von frischgemähten Rasen, kann ein nebeliges Gelb vor dem inneren Auge verursachen. Je nachdem wie der Synästhet seine Assoziationen zu seinem Geschmack und/oder Geruch hat. Unabhängig davon, ob der Synästhet einen Geschmack oder Geruch wahrnimmt, verbindet er dieses unmittelbar mit einer Farbe. Genauso umgekehrt kann er beispielsweise eine orange Farbe sehen, so hat er umgehend einen bitteren Geschmack im Mund. Diese Form der Synästhesie nennt sich Farb-Geruchs-/Geschmacksynästhesie, diese tritt noch seltener auf.
Graphem-Farb-Synästhesie
oder auch Wort-Farb-Synästhesie, Die Buchstaben und/oder Zahlen sind untrennbar mit einem Farbeindruck verbunden. Sie ist eine der häufigsten Formen der Synästhesie. Buchstaben, Wörter oder Zahlen werden mit einer Farbe verknüpft. Diese Farbverknüpfung bleibt ein Leben lang erhalten, möglicherweise können sie aber dunkler oder heller werden.

„Die eins ist strahlend weiß, als würde mir jemand mit einer Taschenlampe ins Auge leuchten. Die fünf ist wie ein Donnerschlag oder Klang von Wellen, die gegen Felsen branden. Die 37 ist klumpig wie Porridge. 89 erinnert an fallenden Schnee.“
„Hnuggin (=isländisch zu dt. traurig) ist weiß mit blauen Flecken. Ladder (Leiter) ist Blau und glänzend.
Hoop (Reifen) ein weiches weißes Wort.
Jardin (=frz. zu dt. Garten) verschwommenes Gelb.
Das englische at ist rot, hat ist weiß, that ist orange.
Wörter die mit A anfangen sind rot, Wörter mit w dunkelblau.“*
*Tammet, D., Elf ist freundlich und fümf ist laut. – Ein genialer Autist erklärt seine Welt, Düsseldorf, Patmos Verlag GmbH & Co. KG, 2007 S. 16, S.24
Ordinal Linguistic Personification Synästhesie (OLP)
oder wird auch „Grapheme Personification“ genannt. OLP-Synästheten sehen personifizierte Buchstaben oder Zahlen, in-dem sie ihnen ein Geschlecht oder eine Persönlichkeit, ein Alter und/ oder einen Charakter zuordnen. OLP verknüpft sich nicht unbedingt mit einer anderen Sinneswahrnehmung, sondern ruft durch eine Zahl oder einen Buchstaben eine Persönlichkeit hervor. Dennoch gehört diese zur Synästhesie.
Das traurige H (12) ist mit dem grünen X (Junge) Verwandt, aber sie kennen sich nicht persönlich.
Schmerz-Farb-Synästhesie
Manche Synästheten verbinden Schmerz mit unterschiedlichen Farben und Formen. Jeglicher Schmerz kann in unterschiedlicher Intensität vor dem inneren Auge oder auch dem visuellen Gehör erscheinen. Bei solchem Auftreten des Phänomens sieht man beispielsweise: lila Spiralen bei Bauchschmerzen oder empfindet bei Kopfschmerzen das Pochen eines Dreiecks. Ein Schnitt am Finger kann eine gelbe Gerade und eine Verbrennung grell sein oder blaue Zacken haben.

Sequenz-Raum-Synästhesie
Bei der Sequenz-Raum-Synästhesie (Time- Space-Synesthesia) werden Zeitintervalle visualisiert. z.B. Buchstaben, Ziffern, Wochentage, Monate und/oder Jahreszahlen besitzen eine bestimmte räumliche Anordnung, diese können auch in einem Kreis oder einer Ellipse an- geordnet sein.
Die Unterart Zeit-Raum-Synästhesie bezieht sich hingegen nur auf Zeiteinheiten. Der Synästhet kann hierbei Stunden, Tage, Wochen und/oder Monate eines Jahres visualisieren und diese könnten auch mit einer Farbe verknüpft sein.


Visuelle Eindrücke der Tischpräsentation


















