Neustart

Kreativität als gesellschaftliche Kraft in der Pandemie

„Überfluss macht erfinderisch?“ – wohl eher nicht. Denn durch das Sprichwort wissen wir, dass es die Not ist, die erfinderisch macht. Seit dem Ausbruch der Pandemie Anfang 2020 ist eine Not da, die einen wahren Kreativschub mit sich bringt. 
Kreativität gilt als notwendige Bedingung für Innovationen, ist bei Bewerbern fachübergreifend eines der gefragtesten Skills und ein Muss in jeder Unternehmenskultur. Doch die eigentliche Bedeutung von Kreativität ist viel tiefgreifender. Die menschliche Kreativität ist der Antrieb kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung. Man könnte sogar so weit gehen, die gesamte Evolution des Menschen als kreativen Prozess zu bezeichnen. Denn ohne Erfindungen, Entdeckungen und soziale Innovationen wären wir nicht das, was wir heute sind. 
Kreativität ist also nicht eine von vielen Methoden, wie man Innovationen in die Welt bringt, sondern eine Realitätsverarbeitung, die immer eine Tür offen lässt für neue Perspektiven und Interpretationen der bisherigen Situation. So erkennt man es ebenso an dem Umgang mit der Corona Pandemie: Der Mensch weiß von Natur aus, wie er Probleme löst. Dies sieht man an den zahlreichen ungewöhnlichen Aktivitäten von Unternehmen, die sehr schnell in der Lage waren, von ihrer ursprünglichen Branche abzuweichen und einen neuen Weg einzuschlagen. Die Krise ist zwar eine Bedrohung für die Weltwirtschaft, aber trotzdem bietet sie die Chancen, neue Wege zu gehen. Neue Modelle und völlig neue Möglichkeiten werden hervorgebracht, deren rasante Entwicklung wir nur schwer abschätzen können. Das Virus kann also neben seinen negativen Auswirkungen und Gefahren dennoch als Motor für Innovationen fungieren – mit weitreichenden Konsequenzen für die Zukunft. 

In meiner Masterthesis beschäftige ich mich mit der neuen Kreativität, die die Pandemie hervorgebracht hat. Ich selbst habe mich zu Beginn der Pandemie eher in meinem Wirken gehemmt gefühlt. Die plötzliche globale Hilflosigkeit hat meine Sicht auf viele Dinge verändert und somit auch meine Interessen in andere Richtungen gelenkt. Ich habe mich bisher viel mit künstlicher Intelligenz und deren Möglichkeit kreativ zu sein beschäftigt. Doch irgendwann war mein Interesse daran ausgebrannt, ich habe eingesehen, dass ich als einzelnes Individuum nur sehr schleppend voran komme und mich lieber einem – für mich greifbarerem – Thema widmen möchte. Zwischen all den täglichen Hiobsbotschaften über die neuen Höchststände der Infektionszahlen oder stetig weiter steigenden Todesfällen, halfen mir vor allem sehr kleine, kreative Projekte aus der ganzen Welt, um neue Motivation zu schöpfen. Denn es ist klar, Kreativität und Intelligenz liegen momentan nicht brach, sondern begegnen der Herausforderung. Diesen kreativen Projekten und neuen Möglichkeiten möchte ich mich tiefgreifender widmen. Dazu stelle ich mir folgende Fragen:

  • Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Kreativität?
  • Welche neuen Lösungen brachte die Pandemie hervor?
  • Kann man anhand der kreativen Lösungen eine Entwicklung der Pandemie erkennen?

Um eine bessere Vorstellung über die neuen, kreativen oder verrückten Projekte zu bekommen, habe ich hier kleine Beispiele aufgeführt. 

Mumbai, India, 02. August 2020. REUTERS/Francis Mascarenhas

Ein Fahrstuhl ist zur Zeit einer Pandemie kein Ort, an dem man sich besonders wohl fühlt. Man ist auf engem Raum mit fremden Menschen eingesperrt. Dank Regulierungen, wie viele Personen sich während der Pandemie gleichzeitig in einem Fahrstuhl aufhalten dürfen, wird verhindert, dass man sich in dem engen Raum zu nahe kommt. Doch in einem Wohnhaus mit 23 Stockwerken kommen auch auf der Oberfläche der Bedienelemente (Türen auf, Türen zu, Stockwerk) viele Keime zusammen. 
Damit Fahrgäste die Fahrstuhlknöpfe nicht berühren müssen, steht in diesem Aufzug ein Schwamm als Zahnstocherspender parat. Die Bewohner können einfach zugreifen, gewünschtes Stockwerk mit dem Holzstäbchen drücken und virenfrei ankommen. Allerdings gilt die Gefahr, sich über Oberflächen mit dem Coronavirus zu infizieren als vergleichsweise gering. Hierbei geht es vielmehr um das gute Gefühl welches vermittelt wird, wenn man keine Oberflächen berühren muss, die auch viele andere berühren. Es wird selbst in kleinen Alltagssituationen genügend Distanz bewahrt. Der Knopf wird nicht direkt mit dem Finger durch Berühren gedrückt, sondern mit Abstand des Zahnstochers. Dies ist eine schöne Metapher für Social Distancing auf alle Ebenen. 

Baseball game in San Francisco, 16. September 2020. AP Photo/Jeff Chiu

Leere Ränge vermitteln ein negatives Gefühl, stehen für schlechte Stimmung und Einsam-keit. Was man nicht sofort sieht: das Bild wurde während der Pandemie aufgenommen, bei der es nicht erlaubt ist, mit vielen Personen auf engstem Raum wie einem Baseballstadion zu sein. Um die Distanzen zu wahren, konnten die Dauerkartenbesitzer ein Foto einreichen, welches auf Pappe gedruckt den Fan vor Ort ersetzen soll. Durch die Pappaufsteller der Fans entsteht trotz großem Abstand ein Gemeinschaftgefühl und eine Zusammengehörigkeit zwischen den Spielern und ihren Fans vorm TV Bildschirm zu Hause. 

Barcelona, 22. Juni 2020. Emilio Morenatti/AP/dpa

Eugenio Ampudia: Konzert für das Biozän / 22 Juni 2020, 17 Uhr / Gran Teatre del Liceu de Barcelona

Von vielen Naturkatastrophen kennen wir das Phänomen, dass sich die Natur zurückholt, was wir Menschen ihr genommen haben. In einer Zeit, in der wir uns auf enge Räume beschränken, unsere Mobilität aufgeben und kaum am öffentlichen Leben teilnehmen, ist es an der Natur, diese Räume wieder einzunehmen. Das hat den Konzeptkünstler Eugenio Ampudia dazu bewegt, die Empathie auf die Beziehung zu einer anderen Spezies zu erweitern und verband Kunst, Musik und ein großes Theater miteinander, indem er die Natur einlud. 
Ein erlesenes Publikum aus 2.292 Pflanzen hatte die exklusive Gelegenheit, vom Klang der Streicher des UceLi-Quartett im Gran Teatre del Liceu in Barcelona, bewegt zu werden. Von den Samtsitzen im Saal aus, konnten die pflanzlichen Zuhörer die Harmonien zusammen mit ihren Photosyntheseprozessen aufnehmen. Außerdem wurde das Konzert per Streaming übertragen, um der ganzen Welt und vor allem anderen Musikern, Künstlern und Veranstaltern Hoffnung zu spenden. Dieses Happening zeigt, dass eine Schließung der Einrichtungen für Menschen nicht gleichzeitig heißt, dass man keine Veranstaltungen mehr ausrichten kann. In einer Zeit der Angst und Unsicherheit, gibt diese Aktion Optimismus und Zuversichtlichkeit.