Begegnungen transkultureller Praktiken in Beirut

killon y3ani killon, alle bedeutet alle, sind die rufe während der proteste im libanon. es wird eine neue regierung gefordert. auch wenn der politische wandel ungewiss ist, ist es doch auch eine revolution der einheit.

Gestaltung von Prototypen und Räumen der Kommunikation

In meiner Arbeit dient Design als Tool visueller Übersetzungen von Begegnungen transkultureller Praktiken in Beirut. Die Hauptstadt Libanons ist geprägt von verschiedenen Identitätsentwürfen und verhandelt seit Jahrhunderten transkulturellen Raum. Bild und Text dienen als Instrument der Reflexion meiner Begegnungen hybrider Nachbarschaften, Umgebungen, Gemeinschaften und Individuen. Durch das transmediale Experimentieren versuche ich neue Methoden der Bilderzeugung zu entwickeln und die Durchlässigkeit von Grenzen in Beirut zu untersuchen. Das Ziel ist die Gestaltung transmedialer Räume und die Verhandlung physischer und nicht-physischer Grenzen.

Narrative der Nachkriegsstadt Beirut

Seit Jahrhunderten ist Libanon bekannt für die Vielfalt kultureller Gruppen. Durch den Einfluss zahlreicher Völker wie den Römern, Osmanen oder Franzosen war die Gesellschaft schon immer ein hybrides Gebilde und im ständigen Wandel. Nach der Unabhängigkeit in den 60er Jahren entwickelte sich Beirut zu einer lebendigen Stadt. Viele Künstler*innen prägten die libanesische Identität und Beirut wurde bekannt als intellektuelles arabisches Zentrum. Doch parallel schufen Eliten eine sozio-ökonomische Kluft und das multikommunale Regime scheiterte. Politische und religiöse Gemeinschaften verlagerten ihre Kämpfe auf die Straße und der libanesische Bürgerkrieg brach aus (1975-1990). Der Zerfall des Regimes und die Herausforderungen des Landes brachten die Menschen dahin zurück sich nur mit ihren eigenen Gemeinden zu identifizieren (Harris). Um die Kontroverse um Libanons Identität zu verstehen führt Haugbolle den Begriff »Erinnerungskultur« ein, der multiple, individuelle und kollektive Erinnerungen als gemeinsame Handlung darstellen soll. Nur wenn wir die libanesische Kultur- und Medienproduktion im Laufe der Zeit analysieren, können wir Beiruts Identität in ihren Fragmenten selbst verstehen.

Bestimmungen von Raum und Kultur

Fragmente der Identität und Antworten auf die Frage kultureller Zugehörigkeit können im Moment der Überschneidung gefunden werden. Bhabha beschreibt den Moment der Suche als »den Moment des Transits, in dem sich Raum und Zeit kreuzen, um komplexe Gestalten von Differenz und Identität,Vergangenheit und Gegenwart, Innen und Außen, Inklusion und Exklusion zu erzeugen« (Bhabha). Verhandlungen libanesischer Identitätskonzepte aufgrund von Kolonialismus, Krieg, Migration und Globalisierung prägen unsere Welt. Auch aufgrund von Überlagerungen der Vergangenheit und Gegenwart stoßen Narrative und Perspektiven ständig aufeinander. Die Auflösung von Kategorien und die Verlagerung kultureller Unterschiede beginnt mit der Analyse bestehender Prozesse. Im Libanon, wo sich verschiedene Gruppen und Gemeinschaften treffen, und das multikommunale Regime, kodifizierte Konzepte kultureller Unterschiede bestimmt, liegt die Macht bei Eliten und Autoritäten. Der Moment des Aufbrechens von Machtkonstrukten und der Verschiebung von Repräsentationsstrategien ist für Bhabha von wesentlicher Bedeutung und kann in seinen sogenannten »dritten Räumen« erzeugt werden. Ein Raum, der für eine Idee steht und neue Realitäten schafft. Ein »Raum des Denkens« mit der Chance, neue kulturelle Bedeutungen und Produktionen zu definieren und zu erschließen.

Kunst und Design als Verhandlungsraum

Künstlerisch-gestalterische Projekte können zur Übersetzung neuer Perspektiven dienen und Kritik an den kulturellen Konzepten unserer Gesellschaft ausüben. In transmedialen, nicht-physischen Räumen überschneiden sich Raum und Zeit. Verborgene Erzählungen werden neu lokalisiert und im »Dazwischen« durch Bild und Text sichtbar. Festgefahrene Muster werden überschrieben und kulturelle Unterschiede neu lokalisiert. Es findet eine Verlagerung statt – von der einfachen Betrachtung von Verlust und Vergangenheit, zu einer Suche nach alternativen Identitätsvorstellungen. Das Imaginäre setzt persönliche Perspektiven, Erfahrungen und unausgesprochene Gedanken frei. Anhand theoretischer und praktischer Beispiele erörtert die Theoretikerin Naeff wie durch Kunst soziale, wirtschaftliche und politische Diskurse die Identität Beiruts neu konstruiert wird. Im Schaffungsprozess von Kunst, Literatur, Performances oder Theater liegt die Macht der Dekonstruktion verallgemeinerter Bilder und kultureller Identitätsvorstellungen.

Transmediale Begegnungen als Orientierung im Raum

Auf visueller Ebene dokumentiere, archiviere und verhandle ich meine Begegnungen transkultureller Praktiken in  Beirut. Doch erst mit der Akzeptanz meiner Subjektivität von Erkenntnissen besteht die Möglichkeit, meine Erfahrungen auszuwerten. Husserl sagt, dass jeder einen Ort hat, von dem aus er Dinge sieht, was zu unterschiedlichen Erzählungen und Wahrnehmungen führt. Er argumentiert, dass unsere Korrelation mit dem Raum und unserem Körper das Bewusstsein erweitert und uns unsere Position verstehen lässt. Ich sehe den Einsatz von Transmedia als Experiment einen Dialog mit meiner Umgebung zu schaffen. Die Konstruktion von Transmedia und die spätere Dekonstruktion eröffnet mir vielschichtige Aspekte der Stadt. Durch die freie Mediengeneration versuche ich, die Grenzen kreativer Methoden aufzulösen und neue Konzepte zu entwickeln. Ich möchte nicht reproduzieren, sondern neue Strukturen und visuelle Kommunikationsräume schaffen und einen Dialog für neue Gestaltungsperspektiven eröffnen. Auf der Ebene der visuellen Dokumentation, Beobachtung, Interviews und Intervention produziere ich Narrative, die mir soziale Strukturen erklären und die ich auf verschiedene Kontexte anwenden kann.

Begegnung l: lebnani w aktar

lebnani w aktar zeigt die Libanesisch-Arabische Sprache als Verhandlungsraum von Arabisch, Assyrisch, Osmanisch, Türkisch, Griechisch, Französisch oder Englisch. Das Projekt erforscht die Bedeutung und die Bildlichkeit der libanesisch-arabischen Sprache. Die Annäherung an die Sprache hilft mir Realitäten zu verstehen, und bisher verborgene Dimensionen transkultureller Ebenen zu verstehen. Während meines Sprachkurs in Beirut versuche ich verschiedene Identitäten und Situationen mitzuerleben, die Sprache zu erlernen und Menschen zu verstehen. Die Dokumentation meiner Begegnungen kennzeichnet sich durch Wort-für-Wort Übersetzungen, sowie die Übersetzungen der Bedeutungen.  Visuell kommuniziert werden alltägliche Gespräche, die transkulturelle Praktiken durch Sprache transportieren. Ich entscheide mich für die Form der Video Projektion, bestehend aus Text und arabischen Schriftbildern. 

Begegnung ll: the neighbor before the house

the neighbor before the house konzentriert sich auf die fotografische Praxis als Vermittlung zwischen mir und meiner Umgebung. Aufgrund der Vielzahl von Religionen, Kulturen und Gruppen weisen die Stadtteile und Nachbarschaften in Beirut eine Reihe unterschiedlicher visueller Identitäten auf. Durch meine Kamera werden die verschiedenen urbanen Räume für mich zugänglich und werde mit meiner Kamera Teil der Umgebung. Durch die Analyse der unterschiedlichen Atmosphären werden transkulturelle Beziehungen und Codes für mich sichtbar. Insgesamt untersuchte ich 49 verschiedene Gebiete wie HamraCornicheDowntown oder Ras Beirut. Ich beobachte das Straßenleben, entdecke homogene und heterogene Merkmale, Gebäude, Flaggen, starre und fließende Grenzen, Aktionen, besetzte Räume, Menschen, Zwischenräume, religiöse Merkmale, Ähnlichkeiten und Unterschiede. Meine Bilder stehen nebeneinander, vervollständigen, konferieren, multiplizieren oder verschmelzen miteinander.

Begegnung lll: alifein

alifein untersucht Grenzüberschreitungen durch Begegnungen in Sammel-Taxis namens service. Das service überwindet täglich räumliche Konflikte, indem die Fahrer Stadtteile Beiruts durchkreuzen und Menschen unterschiedlicher Herkunft transportieren. Der Fokus liegt auf den Verhandlungen der Fahrer mit ihrem urbanen Raum, den Bewohnern und den Macht-Strukturen der Stadt. Für fünf Monate fahre ich täglich service, und lerne eine Vielzahl an Fahrern, ihren Kunden, ihre Gespräche, Einstellungen und Umgebungen kennen. Die Begegnungen dokumentiere ich anhand Video- und Audioaufnahmen. Die Video Projektionen zeigen verschiedene städtische Gebiete in Beirut und Menschen verschiedener Gruppen, Gemeinschaften, Kulturen, Religionen und sozialer Status. 

Begegnung lV: things within me

things within me übersetzt die individuellen transkulturellen Verhandlungen vier libanesischer Mädchen. Mein Ansatz fokussiert persönliche Gedanken, die subjektive Wahrnehmung und Vorstellungen transkultureller Identitäten im Libanon. Die Frauen mit denen ich in einen visuellen Prozess trete sind Sunniten, Drusen und Christen. Ayda, Samira, Mikella und Maysa habe ich während meiner Zeit in Beirut an der Universität und über Freunde kennengelernt. Es sind Frauen mit denen ich zusammengewachsen bin – und die Gelegenheit hatte die Verhandlung von sich überschneidenden Narrativen und Perspektiven nachzuvollziehen. Losgelöste Video- und Audiosequenzen übersetzen ihre Position in der Gesellschaft und wie sie sich von verallgemeinerten Bildern und festgefahrenen Strukturen befreien. 

Janna Lichter
Encounters of transcultural Practices in Beirut:
Designing Prototypes and Spaces of Communication
Abschlussarbeit

Hochschule Düsseldorf
Fachbereich Design
betreut von Prof*in Anja Vormann und
Prof*in Dr*in Yvonne P. Doderer