curating the library

Was ist sichtbar und zeitgleich unsichtbar? Was bleibt stets im Verborgenem? Wie kann ich das Unsichtbare sichtbar gestalten? Wie kann ich überhaupt lernen, das Unsichtbare wahrzunehmen?

Mit jedem Buch, das ich lese und gelesen habe, füge ich meiner Realität neue Perspektiven hinzu. Manchmal rütteln sie mich auf, ab und an langweilen sie mich und zwischendurch quäle ich mich durch unzählige Seiten. Manchmal verstehe ich erst Monate oder Jahre später, was mir ein Buch eigentlich sagen wollte. Ich bin auch nicht mit jeder neuen Perspektive einverstanden. Aber ich nehme sie wahr, ich ziehe sie in Betracht. All die Bücher, die ich in meinem Studium gelesen habe, stecken in mir. Sie zeigen sich in der Art wie ich denke, in der Art wie ich gestalte, in der Art wie ich spreche. Sie sind in mich codiert, aber niemals offensichtlich sichtbar — sie bleiben im Verborgenem.

Komplexität erfahren

Wenn ich das Verborgene offenbare, bringe ich eine spezifische Ordnung in eine nach außen wirkenden Unordnung hinein. Ich archiviere mein Selbst. Ich erfahre Komplexität. Ich kuratiere den Prozess. Die Komplexität steckt in den Perspektiven, in der Verarbeitung, in der Selektion, in der Reduktion. Wo beginne ich damit Kriterien zu formulieren? Habe ich überhaupt bestimmte Kriterien, wonach ich bestimmte Bücher auswähle? Erzeugen jene Kriterien eine Art Relevanz? Erzeugt Relevanz eine Form von Sinn? Wie werde ich mir über meine unsichtbaren Kriterien bewusst?

Mich begeisterte der Gedanke, dass auch Lehre gestaltet wird. Das Lehre keinen festen Zustand darstellt, sondern einen stetige Prozess. Ein Prozess, an dem wir uns aktiv beteiligen können — egal in welcher Position wir uns selbst sehen.
Muss wirklich alles meinen Vorstellungen entsprechen? Sind meine Vorstellungen davon, was mich glücklich macht, auch wirklich meine? Können diese Grenzen, diese Vorstellungen vielleicht neu definiert und gestaltet werden? Ich bemerke zunehmend, dass ich jede Grenze, jeden Ansatz, jede Vorstellung, jede Sichtweise in Frage stelle. Respektvoll und mit Bedacht. Nichts ist weniger wert; weniger wertvoll — es ist nur eine Perspektive von vielen.
Ich bin auf der Suche nach Beispielen. Nach Beispielen für eine Praxis in der ich mich selbst finde. Als wäre ich auf der Suche nach einem perfekten Feld; nach einer existierenden Form. Ich habe viele Formen gefunden. Ich begreife jedoch nicht, wie sie funktionieren.
Manifeste manifestieren einen gedanklichen Prozess. Ich kann nicht erspüren, weshalb sie mich begeistern. Manchmal bringen sie meine Gedanken auf den Punkt; manchmal scharfkantig, manchmal auf einer Metaebene, die ich kaum selbst verstehe.
Manchmal wähle ich ein Buch anhand einer Empfehlung aus, wie das von Arturo Escobar — eine interessante Perspektive. Aber ich folge nicht jeder Empfehlung. Umso mehr mir ein Buch in einem spezifischen Kontext empfohlen wird, umso weniger bin ich motiviert es zu lesen. Ich leihe es aus, werfe kein Blick hinein.
Ich stelle mir vor, welche Möglichkeiten es gibt etwas zu verlernen. Ich konzentriere mich so sehr darauf zu erfahren, wie wir Ansätze wieder verlernen können, anstatt mich auf den Weg zu machen etwas Neues zu lernen. Denn was passiert eigentlich, wenn ich etwas verlernt habe? Will ich es danach wieder neu erlernen? Geht es beim Verlernen darum, an Dinge mit einer gewissen Naivität heranzugehen und das Unerwartete zuzulassen? Passiert dies nicht bereits, wenn wir Neues erlernen?
Wenn ich Prozesse gestalte, gestalte ich dann Erfahrungen?
Ich mache mir immer mehr Gedanken über Begriffe, die Gestaltung aus einer bestimmten Perspektive heraus scharf zeichnen. Was passiert, wenn ich Archäologie und Gestaltung zusammenbringe? Was ist archäologisches Design? Was ist ethnologisches Design? Geografisches? Physisches? Ethisches Design?
Wie kann ich mich selbst erweitern, wenn ich ein Spotlight auf einen blinden Fleck richte? Wenn ich einen blinden Fleck verstärke? Wenn ich einen blinden Fleck mit anderen körperlichen Sinnen wahrnehme?
Sprache nimmt einen immer wichtigeren Schwerpunkt in meiner Arbeit ein. Ich sah immer Schrift als eine Manifestation von Sprache an, aber ich erkenne inzwischen, dass Schrift das Orale formalisiert; es zäunt ein. Geschriebenes archiviert auf einer visuellen Ebene unsere Gedanken; was sind unsere Gedanken wert, wenn sie nicht archiviert werden? Auf welche Art können wir Gedanken abseits des Geschriebenen archivieren? Kann Oralität als Material begriffen werden?
Meine Realität entsteht durch Zusammenhänge; gesellschaftliche Prozesse, die mich als Person, die uns als Generationen, prägen. Wenn wir diese Zusammenhänge in unseren gestalterischen Prozess einbinden, gestalten wir dann im Kontext?
Wie bestimme ich den Kontext, in dem ich mich bewegen will? Wie grenze ich den Kontext ein, wenn mich die Komplexität überwältigt? Ich versuche zu erlernen, wie ich mich selbst eingrenze. Mein größter eingefleischter Automatismus ist, dass ich mich selbst nicht eingrenzen lasse; dass ich mich selbst nicht eingrenzen möchte — ist jeder Automatismus schlecht?
Welche Verantwortung trage ich als Gestalterin? Wie werde ich mir meiner Verantwortung überhaupt bewusst.
Weitere Gedanken folgen…