Stand: 09.04.2021

Abstract: Das Projekt „Processing Sol“ ist eine mehrstufige Forschungsarbeit in der Konjunktion von Design, Kunst und Technik. Es untersucht die Möglichkeiten programmierter, generativer Systeme und ihrer Anwendung in den gestaltenden Künsten am Beispiel von Sol LeWitts verbal formulierten Anweisungen. Als Analysewerkzeug und generierendes System bedienen wir uns der Programmiersprache Processing, die auf den Einsatzbereich der Grafikausgabe spezialisiert ist und deshalb auch maßgebend an der Namesfindung des Projekts Anteil nimmt. In einer abstrakteren Stufe versuchen wir Antworten auf designwissenschaftliche Fragen der Reflexion während gestalterischer Arbeit zu erarbeiten. Die Arbeit am speziellen Beispiel ermöglicht uns induktiv eine situationsbezogene Theorie zu entwickeln und nimmt ebenso die Regeln unseres Handelns selbst zum Objekt der Forschung, ganz im Schatten der Prinzipen Donald A. Schön’s. Die Theorie übertragen wir in eigene Programme. Als Hilfsmittel zur Strukturierung der Programmierung dient uns Frieder Nakes „Das ästhetische Programm“.

Sol LeWitt: „Sentences on Conceptual Art“ (1968), Frieder Nake: „Ästhetik als Informationsverarbeitung“ (1974), Karl Gerstner: „Programme entwerfen“ (1964).

In der konstruktivistischen Tradition leiteten viele Künstler ihre Werke von vordefinierten formalen Verfahren ab. In den 1950er und 1960er Jahren wurde dies zu einer gängigen Praxis von Künstlern und Gestaltern wie beispielsweise Ellsworth Kelly, François Morellet, Max Bill, Richard Lohse, Karl Gerstner usw. László Moholy Nagy war 1922 mit seinen „Telefonbildern“ der Vorreiter der Idee, dass konstruktive Werke durch eine Reihe von verbalen Anweisungen spezifiziert und von jeder technisch fähigen Person, die diese versteht, ausgeführt werden können. Im Minimalismus der 1960er Jahre begannen viele Künstler, sich auf unpersönliche, industrielle Produktionstechniken zu verlassen. Konstruktivismus und Minimalismus nahmen damit einige wichtige Aspekte der algorithmischen Kunstproduktion vorweg.

Sol LeWitt verbindet explizit die konstruktivistisch-minimalistische Tradition mit dem algorithmischen Ansatz. Er entwickelte ein reiches Oeuvre an Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen, aber er bestand auf dem konzeptuellen Charakter dieser Arbeiten. Die meisten seiner Werke basieren auf absichtlich offen formulierten, verbalen Instruktionen, und diese sollen die „echten“ Kunstwerke sein. LeWitts Ansatz, die Ausführung strikt von dem übergeordneten Konzept zu trennen, führt dazu, dass er sich auf die Formulierung der Instruktionen beschränkt und Assistenten diese ausführen. Für das Projekt Processing Sol ist besonders die große Anzahl der Instruktionen und ihre bewusst formulierte Offenheit relevant.

Frieder Nake ist Professor für Computergrafik und interaktive Systeme. Seit 1963 leistete er pionierhafte Versuche zur Entstehung künstlerischer Computergrafik. Zusammen mit Georg Nees und Michael Noll gehört er zu den ersten, die Computergrafiken ausgestellt haben. Seit den siebziger Jahren befaßt sich Frieder Nake mit Kritik der Informatik. Die wichtigste Veröffentlichung diesbezüglich ist „Ästhetik der Informationsverarbeitung“. Bezogen auf die Programmierung in Processing Sol ist besonders das Kapitel „Das ästhetische Programm“ grundlegend.

Folgende Abbildung von „Wall drawing 295“ soll uns als einfaches Beispiel für das Zusammenspiel von Instruktion und Umsetzung dienen. In der Grafik ist nur eine mögliche Umsetzung von vielen zu erkennen. Die anderen Möglichkeiten wurden teilweise bewusst, mehrheitlich aber unbewusst ausgeblendet. Im folgenden Schritt versuchen wir uns diesem Problem anzunähern und ein Programm zu entwickeln, das jene Möglichkeiten aufzeigt.

Wall drawing #295 im MASS MoCA und LeWitts Instruktion.

Ausgehend von den in der Grafik verwendeten Figuren versuchen wir rückwirkend LeWitts Grammatik für ein ausführbares Programm zu erforschen und aufzudecken. Durch unsere Auseinandersetzung mit LeWitts Werk sind wir uns der Kombination seiner sechs „Primary and secondary shapes“ bewusst und können so die Problematik des Superzeichens ausblenden und uns auf sechs Figuren in Sols Zeichenrepertoire festlegen. Im folgenden Abschnitt versuchen wir die Rückführung.

Six geometric figures (cirlce, square, triangle, rectangle, trapezoid and parallelogram), Sol LeWitt, 1977.

Das Regelwerk wurde anhand der verwendeten Figuren dekodiert. In diesem Segment zeigen wir das Raster der Primary und Secondary shapes und alle möglichen Figuren innerhalb.

LeWitts Primary shapes im elementaren Raster.

Mögliche Primary shapes im elementaren Raster.

LeWitts Secondary shapes im erweiterten Raster.

An dieser Stelle existieren bereits nur für die Vierecke knapp 10.000 mögliche Varianten. Daher entscheiden wir uns für eine exemplarische Auswahl.

Auswahl möglicher Secondary shapes im erweiterten Raster.

Bilden wir ein Zeichenrepertoire aus der erweiterten Menge der akzeptablen Kreise, Dreiecke und Vierecke, so erhalten wir eine Summe von 11.596 Zeichen. Wählen wir im Rahmen des Wall drawings sechs Figuren aus dem erweiterten Repertoire aus, entscheiden wir uns für nur eine Kombination von einer unermesslichen Gesamtzahl. Schon sechs aus 100 Figuren zu wählen ergibt eine Anzahl von 1.192.052.400 möglichen Kombinationen. In der folgenden Galerie zeigen wir beispielhaft ebenso akzeptable Ausgaben unseres Programms, die das Original Wall drawing #295 ergänzen.